"Die Bemühungen um neue Kirchenlieder sind zu wenig radikal": Diese Einschätzung hat der hochdekorierte Klarinettist und Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) Christoph Zimper in einem Interview der Kooperationsredaktion österreichischer Kirchenzeitungen geäußert. "Ich muss die Leute dort abholen, wo sie sind. Sonst erreiche ich sie nicht", regte der Ausnahmemusiker an. Er selbst versuchte diesem Anspruch mit seiner Komposition "The Millennials Mass" gerecht zu werden. Vorrangige Zielgruppe dieses Werks für zehn Musiker in der Form einer lateinischen Messe seien die "Millennials", also zwischen 1980 und 2000 geborene junge Erwachsene, denen der 1986 geborene Zimper selbst angehört.
Bei zeitgemäßen Kirchenliedern "geht es gar nicht um Stilistik, ob ich einen Synthesizer einsetze oder nicht", erklärte er. "Ich muss als Hörender das Gefühl haben, dass das etwas mit mir zu tun hat." Die Anliegen, Themen und auch Probleme junger Leute müssten sich in der Musik widerspiegeln, die sie erreichen soll. Als Beispiel nannte Zimper das Faible Jugendlicher für Social Media wie Instagram oder Tik-Tok. Dort herrsche oft subtiler Druck im Sinne von: "Alle anderen haben so ein tolles Leben, fuck, und ich muss versuchen, meines auch so toll darzustellen."
Seine Lieblingsstelle in "The Millennials Mass" sei der Schluss, wo ein lateinisches Seneca-Zitat gesungen wird, so Zimper. Übersetzt heiße es: "Niemand kann auf Dauer eine Maske tragen." Das sei ein aktueller Bezug zur Pandemie, meine aber auch: "Niemand kann jemand anderer sein als er oder sie selbst."
Er und andere "Millennials" hätten von zu Hause noch ein wenig Kirchenerfahrung mitbekommen. Für die noch jüngere Generation sei Kirche gar kein Thema mehr. "Wir sind diese Zwischengeneration, die sich großteils von dem Alten verabschiedet hat, aber beim Neuen gesehen hat, dass da etwas fehlt", erläuterte der Komponist. Um der Stimme vieler junger Menschen Ausdruck zu verleihen, die sich nach spirituellem Halt sehnen, habe er "The Millennials Mass" verfasst.
Spiritueller Prozess machte kreativ
Sich selbst beschrieb der Hochschulprofessor als "mit dem katholischen Glauben groß geworden", dann als Twen auf Distanz gegangen. "Später habe ich bemerkt, dass mir die Qualität des Urvertrauens fehlt", berichtete Zimper. Nun befinde er sich auf der Suche danach. Mit der Komposition einer Messe wollte er "diesen spirituellen Prozess verbinden mit meiner künstlerischen Arbeit". Dabei habe er bemerkt, dass der Begriff "Messe" polarisiere und so "un-hip" sei, "dass es schon fast hip ist". Die Urbedeutung des "Kyrie eleison" erscheine ihm wie ein Aufruf: "Hej, lass uns diesen Prozess der Suche einläuten!"
Christoph Zimper war Soloklarinettist im Mozarteum Orchester Salzburg, als er 2017 eine mdw-Professur antrat. Sein Werk "The Millennials Mass" wurde am 2. Juni 2021 im "MuTh" am Wiener Augarten uraufgeführt und als Album der Öffentlichkeit präsentiert. Die Musik kann auf CD bestellt oder online gekauft und heruntergeladen werden unter
col-legno.com.