Der Bau des "Campus der Religionen", des geplanten interreligiösen Vorzeigeprojekts in der Seestadt Aspern in Wien-Donaustadt, wird nicht, wie zuletzt angekündigt, im Herbst 2023 starten können. Das hat auf Kathpress-Anfrage der Bauamtsleiter der Erzdiözese Wien, Harald Gnilsen, bestätigt. Hauptgrund ist, dass es zur vorgesehenen Errichtung einer Außenstelle der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH) auf dem Areal nicht kommen wird. Die Erzdiözese Wien hatte sich im Herbst gegen einen Umzug und Neubau in der Seestadt und stattdessen für den Fortbestand und Ausbau bzw. Modernisierung des Standortes Strebersdorf entschieden. Nun werden neue Partner gesucht - und bis dahin auch Zwischenlösungen wie etwa Container für den "Campus der Religionen" angedacht, sagte Gnilsen.
Für das Finden von Alternativen zur KPH als Partner des "Campus der Religionen" liefen derzeit Gespräche mit der Stadt Wien, berichtete der Bauamtsleiter. Solche würden nötig sein, doch "momentan gibt es noch keine Interessenten". Schwierig seien bei dieser Suche auch die zuletzt stark gestiegenen Baukostenpreise. Das Projekt, an dem sich weiterhin acht Glaubensgemeinschaften beteiligen - Buddhisten, Evangelische Kirche, Hinduisten, Islamische Glaubensgemeinschaft, Israelitische Kultusgemeinde, Neuapostolische Kirche, Römisch-Katholische Kirche und Sikhs - werde sich "neu orientieren" müssen, sagte der Architekt und Vorsitzende des Vereins Campus der Religionen. Dabei werde die architektonische Gestaltung der Sakralbauten, für die es bisher lediglich einen "Ideenwettbewerb" gab, wohl stark von der derzeit noch gesuchten, künftigen Partnerorganisation abhängen.
Dennoch könnte sogar noch im laufenden Jahr 2022 zumindest ein sichtbarer Zwischenschritt gesetzt werden, stellte der Bauamtsleiter in Aussicht. In Diskussion sei derzeit eine "provisorische Beherbergung, etwa in Containern, an Ort und Stelle". Wenngleich auch hier noch die Finanzierbarkeit ein Wort mitspielen dürfte, wäre dies für die am Projekt beteiligten Religionen eine "Einübung, wie wir später am künftigen Campus unser tägliches Leben miteinander leben wollen". Die Erfahrungen daraus könnten ebenfalls in das spätere Gesamtprojekt einfließen, befand Gnilsen. Sinnvoll erscheine dies, "da wir mit dem Campus der Religionen viel Neuland betreten und erst ertasten und verifizieren müssen, wie ein solcher gelingen kann". Auch mit der Frage der Kostenteilung werde man sich dann bereits beschäftigen müssen.
Das innovative Projekt "Campus der Religionen" in der Seestadt sieht vor, dass mehrere Kirchen und Religionsgemeinschaften auf einem gemeinsamen Areal in dem neu entstehenden Wiener Stadtviertel Seestadt ihre jeweiligen Gebets- bzw. Gottesdienststätten errichten und sich Verwaltungs- und Veranstaltungsräume teilen.
Auf religion.orf.at war dieser Tage in einem ausführlichen Beitrag eine Neuorientierung in der Programmatik und im Raumkonzept nach dem KPH-Ausstieg gefordert worden. "Es wäre wohl nicht nur aus der Innen-, sondern auch aus der Außenperspektive wünschenswert, dass der Umsetzungsprozess fortgesetzt wird", erklärte der Verfasser des Beitrags, Andre Krammer. Der an der TU Wien lehrende Architekt und Urbanist strich die Vorzüge und stadtplanerischen Reize des interreligiösen Vorhabens hervor.
Besonders die geplante Öffnung des Campus zum Stadtraum hin bezeichnete er dabei als wesentlichen Unterschied zu vergleichbaren Projekten wie den in den vergangenen Jahren in Bern, Hannover und Berlin entstandenen "Häusern der Religionen". Der Campus in der Seestadt könne zu einem Ort werden, an dem "ein emanzipatorischer Umgang mit Differenz erprobt und möglich gemacht werden kann".
Dass sich die Kirchliche Pädagogische Hochschule (KPH) Wien/Krems nicht am Projekt in der Seestadt beteiligen wird, steht bereits seit Oktober 2021 fest. Der Wirtschaftsrat der Erzdiözese Wien fasste damals einen entsprechenden Grundsatzbeschluss (Kathpress berichtete). Die Variante Seestadt habe sich trotz weitestgehendem Entgegenkommen der Gemeinde Wien als unfinanzierbar erwiesen, hieß es damals.